Warum Unternehmen das Risikopotenzial von Funktionen kennen sollten
Nicht jede berufliche Funktion ist mit denselben Risiken verbunden. Während bestimmte Mitarbeitende Zugang zu besonders sensiblen Informationen oder kritischen IT-Systemen haben, verfügen andere über weitreichende finanzielle Entscheidungsbefugnisse oder tragen Verantwortung für sicherheitskritische Betriebsabläufe.
Gerade in regulierten Branchen wie dem Finanzwesen, dem Gesundheitssektor oder der Energieversorgung spielt die systematische Bewertung solcher Risiken eine zunehmend wichtige Rolle.
Doch wie lässt sich objektiv bestimmen, welche Funktionen besonders risikorelevant sind?
Bislang basieren entsprechende Einschätzungen häufig auf internen Richtlinien, allgemeinen Berufsbezeichnungen oder individuellen Erfahrungswerten. Eine einheitliche, wissenschaftlich fundierte Bewertungsmethodik fehlt vielerorts.
Genau hier setzt das gemeinsame Praxisprojekt von Validato AG und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) an.
Human Risk Score: Ein wissenschaftlicher Ansatz
Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten Human Risk Scores auf einer Skala von 1 bis 100.
Dieser soll das Risikopotenzial unterschiedlicher beruflicher Funktionen systematisch erfassen, bewerten und vergleichbar machen.
Dabei steht ein wesentlicher Grundsatz im Mittelpunkt:
Nicht die persönliche Vertrauenswürdigkeit eines Mitarbeitenden wird bewertet, sondern das Risikopotenzial, das mit einer bestimmten beruflichen Funktion verbunden ist.
Ein IT-Administrator mit umfassenden Zugriffsrechten auf kritische Systeme weist beispielsweise ein anderes Risikoprofil auf als ein Mitarbeitender ohne entsprechende Berechtigungen.
Ebenso unterscheiden sich die Risiken eines Finanzverantwortlichen mit weitreichenden Zahlungsbefugnissen von jenen einer Funktion ohne finanzielle Entscheidungsverantwortung.
Der Human Risk Score soll solche Unterschiede anhand nachvollziehbarer Kriterien sichtbar machen.
Vier zentrale Risikodimensionen
Das Projektteam der FHNW entwickelt eine Risikotaxonomie, die vier wesentliche Bereiche berücksichtigt.
1. Information Technology (IT)
Diese Dimension untersucht Risiken im Zusammenhang mit dem Zugang zu IT-Systemen, technischen Infrastrukturen und privilegierten Berechtigungen.
2. Information Security
Im Mittelpunkt stehen der Zugang zu vertraulichen Informationen, besonders schützenswerten Personendaten und geschäftskritischem Wissen.
3. Compliance
Diese Dimension berücksichtigt unter anderem Risiken im Zusammenhang mit Betrug, Korruption, Interessenkonflikten und regulatorischen Anforderungen.
4. Operations
Hier werden Risiken betrachtet, die sich aus der Verantwortung für kritische Geschäftsprozesse, technische Anlagen oder sicherheitsrelevante Betriebsabläufe ergeben.
Die vier Dimensionen sollen eine differenzierte Betrachtung ermöglichen und die wesentlichen Risikotreiber einer Funktion transparent machen.
Wissenschaftliche Grundlagen und unternehmensspezifische Informationen
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, das Risikopotenzial verschiedener Berufe möglichst objektiv zu erfassen.
Dazu untersucht das Projektteam wissenschaftliche Grundlagen und standardisierte Berufsdatenbanken.
Eine wichtige Grundlage des Projekts bilden wissenschaftliche Erkenntnisse und strukturierte Informationen zu beruflichen Tätigkeiten, Verantwortlichkeiten und Arbeitsbedingungen. Diese Informationen ermöglichen eine systematische und vergleichbare Analyse unterschiedlicher Berufsprofile und der damit verbundenen Risiken.
Allerdings reicht die Berufsbezeichnung allein nicht aus, um das tatsächliche Risikopotenzial einer Funktion zu bestimmen. Entscheidend sind auch die spezifischen Verantwortlichkeiten, Zugriffsrechte und Rahmenbedingungen innerhalb eines Unternehmens.
Ein IT-Administrator eines Energieversorgungsunternehmens kann beispielsweise andere sicherheitsrelevante Verantwortlichkeiten haben als ein IT-Administrator eines kleineren Dienstleistungsunternehmens.
Deshalb sollen ergänzend unternehmensspezifische Informationen berücksichtigt werden, insbesondere:
- Zugriffsrechte auf kritische Systeme und vertrauliche Informationen
- Finanzielle Entscheidungsbefugnisse
- Führungs- und Kontrollverantwortung
- Verantwortung für kritische Betriebsabläufe
- Bestehende organisatorische und technische Sicherheitsmassnahmen
Ein standardisierter Unternehmensfragebogen soll diese Informationen erfassen und in das Bewertungsmodell einfliessen lassen.
Transparenz statt Black Box
Ein wesentliches Ziel des Projekts ist die Nachvollziehbarkeit der Risikobewertung.
Unternehmen sollen nicht lediglich einen numerischen Wert erhalten, sondern auch verstehen können, welche Faktoren das Risikopotenzial einer Funktion beeinflussen.
Das geplante Modell sieht deshalb neben dem Gesamtscore auch differenzierte Teilbewertungen und die Identifikation wesentlicher Risikotreiber vor.
Darüber hinaus untersucht das Projektteam den Einsatz von Monte-Carlo-Simulationen, um Unsicherheiten in der Bewertung methodisch zu berücksichtigen.
Damit soll ein Modell entstehen, das nicht nur quantitative Ergebnisse liefert, sondern auch deren Aussagekraft und Grenzen transparent macht.
Erfolgreiche Zwischenpräsentation an der FHNW
Am 20. Oktober 2026 präsentierte das Projektteam an der FHNW in Olten den aktuellen Stand seiner Arbeiten.
Im Mittelpunkt standen die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Entwicklung der Risikotaxonomie sowie erste Überlegungen zur methodischen Umsetzung des Scoring-Modells.
Die Zwischenpräsentation zeigte, dass sich das Projekt auf einem vielversprechenden Weg befindet.
In den kommenden Wochen stehen insbesondere die weitere Ausarbeitung des Bewertungsmodells, die Entwicklung eines Prototyps sowie die Überprüfung der Praxistauglichkeit im Vordergrund.
Der Abschluss des Praxisprojekts ist für Anfang Januar 2027 vorgesehen.
Welchen Mehrwert bietet der Human Risk Score für Unternehmen?
Für Validato liegt das langfristige Potenzial des Human Risk Scores insbesondere in der Weiterentwicklung eines risikobasierten Ansatzes im Background Screening.
Unternehmen stehen zunehmend vor der Herausforderung, Sicherheitsmassnahmen angemessen und verhältnismässig einzusetzen.
Nicht jede Funktion erfordert denselben Umfang an Überprüfungen. Gleichzeitig können unzureichende Sicherheitsmassnahmen bei besonders risikorelevanten Funktionen erhebliche Auswirkungen haben.
Ein wissenschaftlich fundiertes Bewertungsmodell könnte Unternehmen künftig dabei unterstützen,
- besonders risikorelevante Funktionen systematisch zu identifizieren,
- unterschiedliche Funktionsprofile objektiver zu vergleichen,
- interne Sicherheitsrichtlinien nachvollziehbarer auszugestalten,
- Background Checks gezielter und verhältnismässiger einzusetzen,
- Ressourcen im Human Risk Management effizienter zu priorisieren.
Die konkrete Verknüpfung des Human Risk Scores mit einzelnen Screening-Paketen ist nicht Bestandteil des laufenden Praxisprojekts, stellt jedoch eine interessante Perspektive für die weitere Entwicklung dar.
Datenschutz und regulatorische Anforderungen
Bei der Entwicklung eines solchen Modells spielen rechtliche und ethische Fragestellungen eine zentrale Rolle.
Das Projekt berücksichtigt insbesondere das Schweizer Datenschutzgesetz (DSG), die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), das Schweizer Arbeitsrecht sowie die Anforderungen des EU AI Act.
Dabei ist die klare Abgrenzung zwischen einer funktionsbezogenen Risikobewertung und einer personenbezogenen Beurteilung entscheidend.
Der Human Risk Score soll keine Aussagen über die Integrität, Zuverlässigkeit oder Vertrauenswürdigkeit einzelner Personen treffen.
Vielmehr soll er Unternehmen eine sachliche Grundlage liefern, um die mit bestimmten Funktionen verbundenen Risiken besser zu verstehen.
Forschung und Praxis gemeinsam weiterentwickeln
Die Zusammenarbeit mit der FHNW verbindet wissenschaftliche Methodik mit praktischen Anforderungen aus dem Human Risk Management.
Für Validato ist das Projekt ein wichtiger Schritt, um die risikobasierte Ausgestaltung von Background Checks langfristig weiterzuentwickeln.
Besonders erfreulich ist das grosse Engagement des studentischen Projektteams, das sich mit hoher Professionalität und wissenschaftlicher Neugier dieser anspruchsvollen Aufgabenstellung widmet.
Validato bedankt sich bei den Studierenden und der FHNW für die konstruktive Zusammenarbeit und freut sich auf die weiteren Projektschritte.
Die finalen Ergebnisse werden Anfang 2027 erwartet.
Trust matters. Verification protects.
Von